Sindelfingen: Für „Nachbarn in Not“ wurden über 235.000 Euro gespendet/Die Hilfsorganisation konnte damit fast 2000-mal helfen

Von Renate Lück

Die Sindelfinger Hilfsorganisation „Nachbarn in Not“ kann sich auf immer mehr Spender stützen. 2018 wurden über 235.000 Euro gespendet. „Nachbarn in Not“ kann dieses Geld gut gebrauchen, denn immer mehr Menschen sind armutsgefährdet.

„Und es läuft und läuft und läuft…“ war der Titel eines Artikels über einen schwerbehinderten Mann, der nicht merkte, dass seine WC-Spülung defekt war. Für Dr. Roswitha Seidel, die Vorsitzende von „Nachbarn in Not“, passt diesen Satz auch zum sprudelnden Spendenfluss im Jahr 2018, vor allem im vergangenen Dezember.

Die Mit-Gründerin und Vorsitzende des Vereins freute sich sehr, dass 2018 knapp sechs Prozent mehr Menschen 19 Prozent mehr Geld gespendet hatten. „Mit diesem Betrag von über 235.000 Euro konnten wir fast 2.000 Mal auf die vielfältigste Weise helfen und ermöglichten vielen Menschen etwas mehr Normalität und Sicherheit in ihrer persönlichen Lebenssituation“, so Dr. Roswitha Seidel bei der Mitgliederversammlung des Vereins.

Betagte Frauen und Alleinerziehende

Diese Zahlen bewiesen, dass es der Region gute gehe und viele bereit seien, weniger begünstigten Nachbarn zu helfen. „Traurig bleibt allerdings, dass es in unserer Umgebung überhaupt so viel Not gibt“, fügte sie an. Nach einer Caritas-Studie seien 10,5 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg armutsgefährdet. Am meisten trifft es betagte Frauen und Alleinerziehende, was auch die Geschäftsführung von „Nachbarn in Not“ registriert. „Allein von 2014 bis 2016 verdoppelte sich die Zahl der Betroffenen.“

Den großen Geldtopf füllen nicht nur  regelmäßige und spontane Spenden, sondern auch die verschiedenen Aktivitäten der Vereinsmitglieder und treuen Mitwirkenden beim Basar, dem Weihnachtsbaum- und Losverkauf, bei Nachbarschaftsfesten, sportlichen und kulturellen Veranstaltungen. Immer mehr Jubilare stellen ein Kässchen auf und bitten statt der Geschenke um Spenden für „Nachbarn in Not“ und selbst bei Beerdigungen wird statt der Blumen Geld gegeben. Als außergewöhnliche Beispiele nannte Dr. Seidel den geschenkten VW-Golf, der versteigert werden konnte, und das Taschengeld der elfjährigen Lisa, die dafür ihr Sparschwein schlachtete.

Wie wichtig all diese Beträge sind, schilderte Geschäftsführerin Brigitte Haug in ihrem anschaulichen Vergleich zwischen ihren eigenen Problemen mit kaputter Waschmaschine und herausgewachsenen Hosen ihres Sohnes mit den Sorgen einer Mutter „nur ein paar Straßen weiter“. Dort zieht eine Frau zwei kleine Mädchen auf, der Vater zahlt nicht. Sie läuft zur Arbeitsstelle, weil sie sich kein Auto leisten kann, hastet danach zum Einkauf, fährt mit dem Bus nach Hause, kocht und holt die Kinder vom Kindergarten ab. Wenn sie plötzlich Regenhosen oder eine neue Waschmaschine kaufen soll, ist die Verzweiflung groß. Der Tipp eines Nachbarn, beim Jobcenter um Hilfe zu bitten, erweist sich als Schlag ins Wasser: „Wir können sie nicht unterstützen. Sollten Sie sich arbeitslos melden, haben Sie Anspruch auf eine neue Waschmaschine und auch mehr Geld im Monat.“ Sie wollte dem Staat nicht auf der Tasche liegen und ihren Kindern ein Vorbild sein. „Wie gut, dass sie in Sindelfingen wohnt und wir ihr schnell und unkompliziert helfen können“, beendet Biggi Haug ihre wahre Geschichte, denn dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr wurden Anträge auf 57 Elektrogeräte bearbeitet und 40 für Kleidung und Lebenshaltungskosten.

Die Vorsitzende dankt allen, die sich für das Gelingen der Arbeit einsetzen: Biggi Haug, der kein Weg zu weit ist; Carmen Bühl; dem kreativen Basar-Team um Sonja Ehmann, das das ganze Jahr werkelt; Finanzchef Ernst Gießler; Markus und Nikol Döttling, die bei Facebook und auf den Märkten neue Spender ansprechen; Christine Jourdan im Sozialamt der Stadt Sindelfingen und der SZ/BZ, die das Engagement des Vereins unterstützt. Ernst Gießler, seit 35 Jahren Finanzvorstand, legte sein Amt aus Altersgründen nieder, bleibt aber Mitglied im Verein. Sein Sohn Joachim erklärte sich bereit, bis zur nächsten Wahl die Arbeit des Kassenwarts kommissarisch zu übernehmen und stellt sich 2020 der Wahl.

Mehr Menschen spenden mehr Geld