Porträt: Ernst Gießler

Von Renate Lück

Seit der Gründung von „Nachbarn in Not“ kümmerte sich Ernst Gießler um das Finanzielle bei der Hilfsorganisation

Als Banker war er prädestiniert für diese Aufgabe. Von Anfang an zeichnete der ehemalige Volksbank-Chef Ernst Gießler für die Finanzen der Sindelfinger Hilfsorganisation „Nachbarn in Not“ verantwortlich. Jetzt legte er das Amt in jüngere Hände.

Seinen 80. Geburtstag feierte Ernst Gießler im vergangenen Sommer. Und so hat er, nach und nach, alle Ämter – sowohl im Beruf als auch bei den Hobbys – in guten Zeiten anderen übergeben können: in der Bank, beim VfL Sindelfingen, wo er Vizepräsident und in der Leichtathletik aktiv war, und den Aufsichtsratsposten bei der Baugenossenschaft.

Zuletzt gab er jetzt seine Aufgabe als Finanzvorstand bei „Nachbarn in Not“ ab. „Das wollte ich, solange ich noch fit bin. Außerdem bin ich privat sehr eingespannt, denn seit 15 Jahren pflege ich meine Frau, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist“, so Gießler.

Ernst Gießler ließ sich breitschlagen. „Ich hab es gern gemacht, weil wir viele gute Mitarbeiterinnen hatten und haben: zum Beispiel Felicitas Röntgen, Heide Müller und Heidi Scholz, die einen – so wie jetzt Biggi Haug – vom Alltagsgeschäft entlasteten. Meine Aufgabe waren strategische Überlegungen und grundsätzliche Fragen.“ Und er grübelt ein bisschen: „Wir leben in sicheren Verhältnissen. Wenn man in einer sozialen Arbeit tätig ist, lernt man die Schwierigkeiten anderer Menschen kennen. Alleinerziehende haben die größten Probleme. Wenn jemand alles stemmen muss: Kinder erziehen und Geld beschaffen, dann wird es eng“, sagt Ernst Gießler.

Ernst Gießler, Finanzvorstand von „Nachbarn in Not“ von 1983 bis 2019

Wenn er nach den Anfängen von „Nachbarn in Not“ gefragt wird, muss er weit zurückgehen. „Die Gründung vor über 35 Jahren bewerkstelligten ja Werner Röhm und Frau Dr. Seidel. Und der damalige Chefredakteur Winfried Holtmann hat das Projekt stark unterstützt. Werner Röhm, der verstorbene Verleger der Sindelfinger Zeitung, suchte einen Finanzmann für den Vorstand. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Volksbank kannte er mich und sprach mich an. Ich sagte ihm, ich hätte eigentlich keine Zeit dafür und empfahl ihm meine Frau als gelernte Bankkauffrau. Aber er sagte: Wir haben so viele Frauen, wir brauchen einen Mann.“

Die Triebfeder ist immer Roswitha Seidel gewesen. „Es ist bewundernswert, mit welchem Elan und welcher Ausdauer sie Details macht, wobei wir mit unseren Geschäftsführerinnen auch immer Glück hatten, wie jetzt mit der fröhlichen Biggi Haug“, so Gießler über das große Engagement der langjährigen Vorsitzenden von „Nachbarn in Not“.

Sein Augenmerk habe er immer darauf gerichtet, dass der Verein nicht missbraucht wird. „Viele Sozialeinrichtungen werden in der Öffentlichkeit mit großen Fragezeichen versehen, wenn Geld in falsche Kanäle gerät. ‚Nachbarn in Not‘ hat den Vorteil, dass seine Aktivitäten auf Sindelfingen und den Kreis Böblingen begrenzt sind“, sagt Gießler über das Prinzip der Hilfsorganisation. Er wollte besonders ältere alleinstehende Menschen und Alleinerziehende unterstützen und zunehmend Migranten, denen niemand hilft. „Ich sehe das an meiner Frau: Sie würde ohne mich nicht klar kommen, nicht nur materiell, sie braucht auch einen Ansprechpartner.“

In den letzten Jahren fielen dem Finanzchef neben den vielen regelmäßigen Spenden gelegentlich große Überweisungen auf. „Da sagen die Leute, sie hätten Glück gehabt und wollten ihren Anteil für die Gesellschaft leisten. Oft sammeln sie an Geburtstagen oder sogar bei Todesfällen statt des 25. Kranzes oder der vielen Blumen für ‚Nachbarn in Not‘. Das sind Highlights unserer Arbeit.“

Am Anfang sei es etwas mühsam gewesen, die Idee von „Nachbarn in Not“ bekannt zu machen. „Doch dank der Öffentlichkeitsarbeit durch die SZ/BZ wurden die Menschen informiert und durch die eine oder andere Geschichte sicher berührt. Jetzt wäre es gut, wenn sich die jüngere Generation mit ihren Freundeskreisen beteiligte. Mir wurde gesagt, es sei toll, dass ich meinen Namen hergebe. Dann wissen wir, dass das Geld in gute Hände kommt. Und ich verlasse mich auf die Sozialarbeiter. Sie schicken sehr gute Begründungen über die Notlagen der Menschen.“

Er selbst hat jetzt die Arbeit für die Hilfsorganisation in jüngere Hände gegeben. Sein Sohn Joachim hat seine Firma so organisiert, dass er Luft hat, das Amt des Vaters zu übernehmen. „Das hat mich richtig überrascht“, gesteht Ernst Gießler. „An meinem 60. Geburtstag erzählte er mir, dass viele glaubten, ich hätte nie Zeit für ihn gehabt. Doch er entgegnete dann: Wenn ich ihn brauchte, hat er sich Zeit genommen.“ 

Die Finanzen in guten Händen