Bericht über Fälle                                                                     Biggi Haug

Der Corona-Virus hat uns alle fest im Griff. Es betrifft jeden – wenn auch jeden anders. Aber in genau dieser Zeit kommt es zum „Entschleunigen“. Ich habe Zeit, über das Geschehene nachzudenken.

Seitdem ich die Anträge von den Sozialarbeitern für Nachbarn in Not erhalte, weiß ich mein Leben mehr zu schätzen. Schade, dass es erst soweit kommen musste, aber mir ist bewusst, wie schnell sich ein Leben ändern kann. Gerade jetzt, gehen mir die Antragssteller nicht aus dem Kopf.

Wie geht es z.B. unseren Senioren, die wir regelmäßig besuchen? Sie leben größtenteils alleine, haben wenig Kontakt zu anderen. Über unseren Besuch freuen sie sich immer sehr – nicht nur wegen dem kleinen Geldbetrag, den sie erhalten. Letztes Jahr habe ich meinen 16-jährigen Sohn „verdonnert“, mit mir die Senioren zu besuchen. Mal nicht Handy, Laptop, Freunde oder chillen – sondern das reale Leben.

Was meinem Sohnemann bald auffiel: viele ältere Menschen leben in Mehrparteienhäusern – oft ohne Aufzug. Der Einkauf wird teilweise fünf Stockwerke hochgetragen. Auf die Nachfrage von ihm, wie das die 85-jährige Seniorin schaffe, meinte sie: es dauert halt. Manchmal brauche sie für die Stockwerke über eine halbe Stunde – aber sie sei dankbar, dass sie diese Wege noch machen kann. Anderen würde es viel schlechter gehen.

Über die Lebensfreude einer 70-jährigen Dame war er mehr als erstaunt. Sie sitzt im Rollstuhl, die Beine sollen amputiert werden und ihr Sohn liegt momentan im Krankenhaus. Aber sie strahlte uns an, erzählte uns die traurigen Fakten – meinte aber, anderen würde es bestimmt schlechter gehen.

Diese und ähnliche Erfahrungen hatten wir zusammen erlebt.

Ich kenne unsere Senioren schon seit Jahren. Immer wieder kommen neue dazu, leider gehen auch immer wieder welche. Ich freue mich, sie zu besuchen, für einen kurzen Moment Teil ihres Lebens zu sein – vielleicht auch nur um Mut zu spenden oder einfach zuzuhören. Für mein Leben sind sie eine Bereicherung – und dies war es auch für meinen Sohn.

Das Leben ist nicht immer einfach. Aber zusammen ist es einfacher.

Denken wir daran , was wir alles haben – nicht was wir nicht haben!

Kommentar in der SZBZ von Chefredakteur Jürgen Haar

Der Rettungsanker in der Krise

Nachbarn in Not: Was für unsereins ein „Problem“ ist, stellt nur ein paar Häuser weiter für eine Familie eine „Tragödie“ dar – Biggi Haug, die Geschäftsführerin von „Nachbarn in Not“ hat auf der Mitgliederversammlung sehr anschaulich beschrieben, wie unverzichtbar und wichtig die Tätigkeit der Sindelfinger Hilfsorganisation für viele Menschen ist.

Chefredakteur Jürgen Haar

Ohne „Nachbarn in Not“ zum Beispiel wäre eine alleinerziehende Mutter immer noch ohne Waschmaschine. Sie will dem Staat nicht auf der Tasche liegen und ihren Töchtern ein gutes Vorbild sein, meldet sich nicht arbeitslos und hat damit auch keinen Anspruch auf Unterstützung.

„Wie gut, dass sie in Sindelfingen wohnt und wir ihr schnell und unkompliziert helfen können“, komplettiert Biggi Haug das Beispiel, wie konkret, schnell und ortsnah die Arbeit der Hilfsorganisation ist. „Nachbarn in Not“ überbrückt die Lücken im Sozialsystem. Wer lieber auf etwas verzichtet oder zu stolz ist, aufs Amt zu gehen, soll trotzdem eine neue Matratze bekommen oder mal mit der S-Bahn nach Stuttgart fahren können. „Wie gut, dass diese Menschen auf ‘Nachbarn in Not’ zurückgreifen können“, sagt Biggi Haug. Diese Region prosperiert, doch einige Tausend Menschen kommen gerade so über die Runden.

Für sie ist „Nachbarn in Not“ der Rettungsanker in der Krise, oder der Leuchtturm, der am Horizont bessere Tage verheißt. Ein großes Glück ist auch, dass immer mehr Menschen mit ihren Spenden die Arbeit von „Nachbarn in Not“ erst möglich machen. juergen.haar@szbz.de

B. Bericht der Geschäftsführerin