Bericht über Fälle                                                                     Biggi Haug

Ich möchte Ihnen von einem Tag erzählen, den ich in den letzten Wochen erlebt habe:

Ein Wochentag. Ich steh um 6 Uhr auf, wecke meinen Sohn, bereite das Frühstück vor. Sohnemann verlässt um 7 Uhr das Haus, ich bring die Wäsche runter. Komisch, die Waschmaschine läuft auch nicht mehr rund. Naja, sie ist ja auch schon 5 Jahre alt. Wenn mein Mann heuten Abend nach Hause kommt, soll er mal danach schauen.

Ist zwar nicht geplant, aber wenn sie kaputt ist,  muss halt eine Neue her.

So, jetzt aufräumen und dann habe ich Bürozeit. Ich arbeite alles weg und fahre mit dem Auto mittags zum Einkaufen. Der Lachs sieht gut aus, den nehme ich gleich mal mit. Natürlich habe ich eine Einkaufsliste, aber irgendwie landet doch mehr im Einkaufswagen.

Daheim „mault“ mein Sohnemann, er habe nichts zum Anziehen. Okay, mit 15 und 1,92m ist es leider eine Tatsache, dass die Hosen in kürzester Zeit zu kurz sind. Also, ab ins Auto und zur Yeans-Halle. Eine freundliche Verkäuferin berät uns, versorgt den Sohnemann mit Hosen. Kein Schnäppchen, aber was muss, das muss. Daheim wartet bereits mein Göttergatte mit der Hiobsbotschaft, dass die Waschmaschine wirklich den Geist aufgegeben hat. Wir sollten am Wochenende eine Neue kaufen. Davor können wir ja noch den Wochenendeinkauf erledigen – frische Sachen vom Markt kaufen. Und wenn wir dann schon unterwegs sind, können wir auch gleich noch Essen gehen. Dann steh ich nicht so unter Zeitdruck. Ach schön, jetzt werde ich auch noch belohnt, dass die Waschmaschine kaputt ist.  So endet mein Tag, gemütlich auf dem Sofa mit einem Buch in der Hand. Der Tag war ja auch stressig genug – jetzt bissle genießen.

Derselbe Tag, die selbe Stadt, nur ein paar Straßen weiter:

Eine Mutter steht um 5 Uhr auf, bereitet das Frühstück vor, sortiert die Wäsche, schmeißt die Waschmaschine an, weckt ihre 2 Töchter (3 und 5 Jahre alt). Sie ist alleinerziehend, der Vater zahlt nicht. Sie bringt die Kinder um 7 Uhr zu Fuß zum Kindergarten. Von da aus geht es weiter zu ihrer Arbeitsstelle. Die ist ihr wichtig, denn sie möchte ein Vorbild für ihre Kinder sein. Ein Auto kann sie sich leider nicht leisten. Sie arbeitet bis mittags, hastet dann zum Einkauf, wo das Nötigste besorgt wird. Schwer bepackt fährt sie mit dem Bus heim, bereitet schnell das Essen vor und holt ihre Kinder vom Kindergarten ab. Die Kindergärtnerin passt sie an der Tür ab und bittet darum, dass die Kinder Regenhosen benötigen, sonst könnten sie nicht mehr in den Garten. Die Mutter verspricht danach zu schauen. Auf dem Heimweg ist sie in Gedanken, wo sie günstig Regenhosen kaufen kann. Die Discounter haben momentan keine Angebote. Sie schaut mal im Internet – eine Gebrauchte tut es ja auch. Daheim der nächste Schock: die Waschmaschine ist kaputt. Das Wasser fließt raus. Der Nachbar kommt gleich vorbei und bestätigt, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Die Waschmaschine ist 15 Jahre alt, die Ersatzteile gibt es gar nicht mehr. Die Mutter ist verzweifelt: sie kann sich noch nicht einmal 2 neue Regenhosen leisten, geschweige denn eine neue Waschmaschine. Der Nachbar gibt ihr den Tip, beim Jobcenter mal nachzufragen. Er hat schon mitbekommen, dass dort Menschen unterstützt werden. Sie ruft sofort beim Amt an und bekommt sie Auskunft: „Leider können wir Sie nicht unterstützen. Sollten Sie sich arbeitslos melden, haben Sie den Anspruch auf eine neue Waschmaschine. Und im Monat hätten Sie auch mehr Geld zur Verfügung.“ Nachdem abends ihre Kinder endlich im Bett sind, tüftelt sie bis spät in die Nacht, wie sie ihre Ausgaben minimieren kann. Aber da ist kaum Spielraum. Sie ist stolz, dass sie dem Staat nicht auf der Tasche liegt und möchte das freundliche Angebot vom Jobcenter nicht annehmen.

Wie gut, dass Sie in Sindelfingen wohnt und wir ihr schnell und unkompliziert helfen können.

Dieses Beispiel ist leider kein Einzelfall. Es wundert nicht, dass wir letztes Jahr 57 Mal mit Elektrogeräten aushelfen konnten. Auch Anträge für Kleidung und Lebenshaltungskosten haben etwas zugenommen: hier konnten wir 40 Mal in Einzelfällen helfen.

Was für uns ein „Problem“ darstellt, stellt nur ein paar Häuser weiter für eine Familie eine „Tragödie“ dar. Wie gut, dass diese Menschen auf Nachbarn in Not zurückgreifen können.

Kommentar in der SZBZ von Chefredakteur Jürgen Haar

Der Rettungsanker in der Krise

Nachbarn in Not: Was für unsereins ein „Problem“ ist, stellt nur ein paar Häuser weiter für eine Familie eine „Tragödie“ dar – Biggi Haug, die Geschäftsführerin von „Nachbarn in Not“ hat auf der Mitgliederversammlung sehr anschaulich beschrieben, wie unverzichtbar und wichtig die Tätigkeit der Sindelfinger Hilfsorganisation für viele Menschen ist.

Chefredakteur Jürgen Haar

Ohne „Nachbarn in Not“ zum Beispiel wäre eine alleinerziehende Mutter immer noch ohne Waschmaschine. Sie will dem Staat nicht auf der Tasche liegen und ihren Töchtern ein gutes Vorbild sein, meldet sich nicht arbeitslos und hat damit auch keinen Anspruch auf Unterstützung.

„Wie gut, dass sie in Sindelfingen wohnt und wir ihr schnell und unkompliziert helfen können“, komplettiert Biggi Haug das Beispiel, wie konkret, schnell und ortsnah die Arbeit der Hilfsorganisation ist. „Nachbarn in Not“ überbrückt die Lücken im Sozialsystem. Wer lieber auf etwas verzichtet oder zu stolz ist, aufs Amt zu gehen, soll trotzdem eine neue Matratze bekommen oder mal mit der S-Bahn nach Stuttgart fahren können. „Wie gut, dass diese Menschen auf ‘Nachbarn in Not’ zurückgreifen können“, sagt Biggi Haug. Diese Region prosperiert, doch einige Tausend Menschen kommen gerade so über die Runden.

Für sie ist „Nachbarn in Not“ der Rettungsanker in der Krise, oder der Leuchtturm, der am Horizont bessere Tage verheißt. Ein großes Glück ist auch, dass immer mehr Menschen mit ihren Spenden die Arbeit von „Nachbarn in Not“ erst möglich machen. juergen.haar@szbz.de

B. Bericht der Geschäftsführerin