Von Renate Lück

„Ihr Schicksal ging mir und meiner Kollegin besonders nah“, schreibt die Sozialarbeiterin, die Nilay A. berät. Sie ist ein Beispiel dafür, wie eine arrangierte Ehe in der Katastrophe enden kann.

Nilay A. stammt aus der Türkei und arbeitete dort als Lehrerin. Sie war sehr angesehen, weil sie sich immer um Menschen kümmerte, die Hilfe brauchten. Als sie im heiratsfähigen Alter war, arrangierten ihre Eltern über einen Bekannten eine Hochzeit mit einem Landsmann, der schon 30 Jahre in Deutschland lebte. Der Mann hatte ein Restaurant in einer Kreisgemeinde, das sie mit übernehmen sollte. Bei der Hochzeit erklärte er ihr, dass er Geld für das gemeinsame Restaurant brauche. Nilay A. reiste frohgemut in ihre neue Heimat und brachte 30.000 Euro mit, da sie zu einer wohlhabenden Familie gehört.

Doch diese Verbindung entpuppte sich als Albtraum. Ihr Mann nahm einen hohen Kredit auf ihren Namen auf und drohte ihr, sich dagegen aufzulehnen. Oft wurde er gewalttätig, zudem betrog er sie. Nilay A. schaffte es schließlich, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, obwohl das in ihrer Kultur nicht üblich ist. Ihrer Familie konnte sie es bis heute nicht sagen. Das heißt, dass sie auch keine Unterstützung – sowohl seelischer als auch finanzieller Art – erhalten kann. Sie saß mit einem Schuldenberg da und musste Privatinsolvenz anmelden. Seitdem lebt sie von Hartz IV und versucht immer wieder, einen Job zu finden und ins Leben zurückzukommen.

Doch das Schicksal schlug noch einmal zu. Sie bekam Krebs und musste eine Operation und viele Chemotherapien über sich ergehen lassen. Darauf reagierte ihr Körper mit Wassereinlagerungen und Gicht. Immer wieder kann sie nicht laufen. Trotzdem versuchte sie, durch unbezahlte Praktika in Kindergärten beim Jobcenter die Grundlage für eine Arbeitsstelle zu legen. Aber ihr Gesundheitszustand wirft sie immer wieder zurück.

Verheerend in dieser Situation wirkt sich dabei ihre Wohnung aus. Es ist ein Waschkeller von 15 Quadratmetern in einem Mehrfamilienhaus für einen stolzen Preis. Kalt, die Dusche steht im Gang. Fernseh- oder Internetanschluss sind nicht möglich. Die Sozialarbeiterin bat „Nachbarn in Not“ um eine Spende für eine Winterjacke und – die Hoffnung stirbt zuletzt – für neue Schuhe und Blusen, falls sie demnächst doch einen Job findet.

Und immer ging’s bergab